| Dieter Hoscher über Abi Wallenstein
„Blues kann heilen.“ Sollte Neal Pattman, einarmiger Bluesharpmeister aus dem Hill Country, mit seiner Aussage den berühmten Nagel auf den Kopf treffen – woran ich nicht zweifle – dürfte „Step In Time“ seinen Weg nicht nur in die Plattenläden sondern auch jenen in die Apotheken finden. Ohne ärztliche Verschreibung freilich, denn Abi Wallensteins Blues ist ausschließlich von positiven Nebenwirkungen begleitet. Blues war immer schon geprägt von Originalen, von Musikern, die Authentizität ausstrahlen, jeder auf seine eigene, höchstpersönliche Art und Weise. In diesem Sinne ist Abi Wallenstein so authentisch, wie man nur authentisch sein kann. Da verlieren Herkunft und Rasse oder Alter jegliche Bedeutung. Vom Mississippidelta nach Chicago und wieder nach Hamburg. Crossroads gibt es überall. Wenn Abi Wallenstein mit unnachahmlicher Stimme und ebensolcher Gitarre nach wie vor neben den Konzerthallen und Clubs auch noch immer auf den – mitunter recht nasskalten – Straßen Hamburgs die musikalische Magie des Augenblicks erobert, dann spielt er nicht den Blues, er hat ihn. Eine alte, aber nicht minder zutreffende Bluesweisheit erzählt, man müsse, um den Blues zu haben, lediglich am Leben sein. Schließlich handelt der Blues vom Leben, von seinen Geschichten, seinen Plätzen, seinen Freuden wie auch seinem Leid. Groß ist die Vielfalt der Themen, groß aber auch die Möglichkeit des stilistischen Ausdrucks. Abi Wallenstein zählt zu jener Kategorie von Blueskünstlern, die sich durch ihre Liebe zu eben dieser Vielfalt auszeichnet und die konsequent ihren Weg durch die Mannigfaltigkeit des afroamerikanischen Erbes „Blues“ beschreitet. Das beste Beispiel dafür halten Sie gerade in Ihren Händen! Bereits der erste Song, „Off the Hook“ vermittelt ein unbestechliches Bluesgefühl, das Jagger/Richards wohl im Hinterkopf gehabt haben müssen, als sie das Lied zu Papier brachten. Die Kombination von Abi Wallensteins Slide und dem harten aber furiosen Harpansatz Steve Bakers gibt dem R’n’R seine bluesmäßige Integrität wieder. Der fröhlichen Seite des Genres wird mit „Ramona“ gehuldigt, einer im Stil der großen Cajun- und Swamppopsongs gehaltenen Liebeserklärung, die das Herz der Angebeteten mit unwiderstehlichen Harmonien und Arrangements erobert. Würden sich die Radiomacher endlich dazu aufraffen, den Blues jenen Sendeplatz einzuräumen, den er verdient, „Ramona“ wäre als Hit nicht zu vermeiden. Spirituelles und Weltliches haben im Blues wesentlich mehr gemein, als von vielen angenommen wird. Abi Wallensteins Interpretation von Kevin Bowes „Leavin’ To Stay“ führt diese beiden Seiten zu einem organischen Ganzen zusammen, lässt Gospel und Blues zu einer tief emotionalen Bruderschaft werden, deren mitunter leidende Botschaft dennoch letztlich Erlösung verheißt. Selten ist es einem weißen Bluessänger derart eindringlich gelungen in dieses geheimnisvolle Mysterium einzudringen, es mit Leben zu erfüllen. Da kommt die fordernde Zwiesprache mit der Harmonika Henry Heggens auf „Gimme More“ gerade recht, um die Spannung in Verlangen aufzulösen.
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